Wie die Weltmeisterschaft in Russland den Fussball beerdigt und wie wir ihn wieder auferstehen lassen
July 6, 2018

Wie die Weltmeisterschaft in Russland den Fussball beerdigt und wie wir ihn wieder auferstehen lassen

 

Deutschland, Spanien, Portugal...ja, so einige Teams scheiterten in Russland kläglich. Vor der Weltmeisterschaft sagte Urs Siegenthaler, der Chef-Scout der deutschen Nationalmannschaft, in meinem Podcast-Interview: „Es werden sich alle hinten rein stellen. Das beginnt mit einem 4-4-2 beim Gegner in den Qualifikationsspielen. Der nächste Gegner agierte dann mit einer 5er-Kette. Die Krönung war, dass Schottland mit sechs Mann hinten spielte und dann ein ganzes Team plötzlich im 16-Meterraum stand.“ Der Fachmann sollte recht behalten...

 

Das DFB Team hatte im entscheidenden Spiel gegen Südkorea 697 Pässe gespielt (die Koreaner 246), der Ballbesitz war in einem Verhältnis von 74,1% zu 25,9% für die Deutschen. Die Zweikampfquote gehörte mit 61,35% auch den dem Weltmeister von 2014.

 

Die Spanier verabschiedeten sich nach dem Elfmeterschiessen gegen Russland aus dem Turnier. 1115 Pässe spielten die Südeuropäer – die Gastgeber gerade einmal 291.

Ballbesitz = Erfolg, diese Zeit ist vorbei

 

Pep Guardiola sagte erst kürzlich nach seiner fantastischen Saison mit Manchester City: „Ich hasse es, wenn meine Spieler nur den Ball haben, um den Ball zu haben. Ich will, dass mein Team Chancen kreiert und nicht einfach den Ball hin- und her spielt. Wir wollen Chance herausspielen, probieren, probieren, probieren – immer mit Zug zum Tor.“ Genau das, wurde von den Favoritenteams wie Deutschland und Spanien nicht gemacht. Spanien schob sich 120 Minuten den Ball zu, ohne dass ein Pass eine „Nachricht“ hatte. Kein Mittelfeldspieler lief einmal in die Spitze durch. Standfussball von hervorragenden Technikern.

 

Unsere Schweizer Nationalmannschaft hatte bei ihrem WM-Aus gegen Schweden 64% Ballbesitz und durfte 11 Eckbälle treten (Schweden 3). Deutschland hatte mit durchschnittlich 67% Ballbesitz aus den Gruppenspielen, die beste Quote aller Teilnehmer. Dass der Ballbesitz für einen Sieg in der heutigen Zeit im Fussball so gut wie gar nicht mehr entscheidend ist, dürfte sogar Maradona längst klar geworden sein – obwohl bei Diego bin ich mir nicht ganz sicher...

 

Die vorhandenen Mittel bestimmen die Spielweise

 

Die Hauptaufgabe eines Trainers ist es, mit den gegebenen Mitteln das Maximum (möglichst lange im Turnier zu bleiben) herauszuholen. Dass Janne Andersson, der Trainer der Schweden, sich selbst vermutlich auch lieber die Belgier als seine eigene Mannschaft anschaut, ist also uninteressant. Schweden ist nicht in der Lage Tiki-Taka-Fussball  zu spielen, aber die Skandinavier können kompakt stehen, verteidigen, Kopfballduelle gewinnen und schnell umschalten. Das haben sie gemacht und wurden dafür belohnt! Andersson hat also alles richtig gemacht. Dass diese Spielweise für die Zuschauer unattraktiv und unspektakulär ist und wir lieber Spiele wie Kolumbien gegen England anschauen ist logisch.

 

Der Weltmeister hat sich verpokert

 

Doch was hat man für Möglichkeiten, um ein solches Team zu bezwingen? Wie die Gruppenphase gezeigt hat, werden Spezialisten bei ruhenden Bällen immer entscheidender. Die Schweiz kam im 1/8 Finalspiel in den Genuss von 11 Eckbällen. Doch ohne eine spezielle Variante wird es schwierig gegen die schwedischen Kopfballmonster zum Torerfolg zu kommen.

 

Das deutsche Team hatte mit Toni Kroos einen solchen Spezialisten, der in der Lage war, das DFB Team in der letzten Sekunde zu erlösen. Aber aus dem Spiel heraus fand auch Deutschland keine Lösung. Warum? Weil wir in den letzten Jahren etwas vernachlässigt haben, was wir auf jedem Streetsoccer- oder Schulhausplatz auf der Welt ständig sehen: Nämlich Spieler, welche offensiv, mutig und mit viel Speed Eins gegen Eins Situationen bestreiten. Ein D-Jugendtraining beinhaltet immer wieder Dinge wie Ballhandlung, Finten und Dribblings. Doch unser Fokus lag in den letzten Jahren auf viel Ballbesitz und Kurzpassspiel nach dem Motto „so lange wir den Ball in unseren Reihen haben, kann der Gegner kein Tor erzielen“.

Leider wurde an dieser Weltmeisterschaft ersichtlich, dass sich einige Teilnehmer bei der Kaderauswahl „verpokert“ hatten. Zu viele Teams gingen davon aus, dass sie die Gegner spielerisch besiegen werden.

 

Wie wertvoll wäre ein Spieler wie Leroy Sané für die Deutsche Elf gewesen? Ein Tempodribbler der in der Lage gewesen wäre, im Eins gegen Eins hinter die Abwehrbollwerke vorzustossen? ... Ja ich weiss, einfach gesagt im Nachhinein. Fakt ist: Die meisten Teams, welche nun im Vierteilfinale stehen, verfügen über Tempodribbler auf den Aussenbahnen: Rebic, Hazard, Willian, Perisic, Mbappé, Sterling, Prinzessin... eh Neymar, Golovin, Rashford, usw.

 

Sind Tempodribbler die Lösung?

 

Kurz und knapp: Nein! Wenn zwei Teams auf dem Platz stehen und eines davon nur daran interessiert ist, das Spieldiktat dem Gegner zu überlassen, tief und kompakt zu stehen und auf Konter zu lauern, werden auch Individualisten das Spiel für den Zuschauer nicht attraktiver machen können.

 

Die Lösung um für Zuschauer-Ekstasen zu sorgen

 

Der Fussball braucht Regeländerungen!!! Änderungen welche aktuell vielleicht als unvorstellbar gelten. „Die Lösung“ habe ich auch nicht – aber ich habe Ideen:

 

1.     Weniger Feldspieler. 10 gegen 10, 9 gegen 9...? Das würde dem Spiel wieder mehr Raum verleihen.

 

2.     Abseits erst ab dem Strafraum – ev. ganz aufheben?

 

3.     Zeitbeschränkung für einen Angriff - wie beim Basketball. Das Ballbesitzende Team muss innerhalb von 2-4 Minuten den Angriff abgeschlossen haben. Danach bekommt der Gegner den Ball.

 

4.     Eine Zeitbeschränkung würde Blockwechseln voraussetzen. Hochintensive Belastungen wie beim Eishockey.

 

5.     Penaltyschiessen: Von 30m 1 gegen 1 auf den Torwart zulaufen

 

6.     Kurze Strafen! Ein Spieler muss nach einem groben Foul (heute gelbe Karte) für eine gewisse Zeit vom Feld und das gegnerische Team agiert in dieser Zeit in Überzahl.

 

7.     Wie wäre es, wenn ein Trainer ein „Timeout“ nehmen könnte?

 

8.     Schwalben und Theatralik werden mit direktem Spielausschluss bestraft – Sorry Neymar!

Ja, vielleicht werden mich einige für verrückt erklären, aber dieser Sport muss für die Zuschauer wieder attraktiver werden. Wir wollen Massen begeistern, wir wollen Action, wir wollen Unterhaltung. Dass einige der angedachten Möglichkeiten den heutigen Fussball komplett verändern würden ist mir klar. Aber mal ehrlich, wie gerne hast du dir Spiele wie Spanien:Russland, Brasilien:Costa Rica, Schweden:Südkorea, Frankreich:Dänemark, Portugal:Iran, Urugay:Saudi Arabien oder eben unsere Schweiz gegen Schweden angesehen?

 

Fussball ist tot und wir können ihn wiederbeleben. Was wir dafür mitbringen müssen? Verrückte Ideen, Mut zum Risiko, Wille für Veränderungen und viel Leidenschaft und Liebe für den schönsten Sport der Welt.